
„Ich sehe, dass ich etwas bewirken kann“
Isabell Theisohn, Absolventin Applied Life Sciences
„Das klingt jetzt sicher ziemlich nerdy“, lacht Isabell Theisohn, Bachelor- und Master-Absolventin des Studiengangs Applied Life Sciences: „aber zu meinen Zellen habe ich so etwas wie eine persönliche Beziehung aufgebaut.“ Mit „ihren Zellen“ meint sie Alveolarmakrophagen – das sind langlebige Immunzellen in der Lunge, an denen sie im Rahmen ihrer Dissertation am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg unter Doktorvater Prof. Dr. Dr. Robert Bals, versucht, eine therapeutische Modifikation zu bewirken. Ziel dieser Bemühungen ist es, für Menschen mit einer Erkrankung der Lunge wie der lebensbedrohlichen COPD oder einer anderen entzündlichen Erkrankung der Lunge, eine langwirksame Therapie zu entwickeln.
Im Rahmen des Projekts werden mittels einer Lungenlavage Alveolarmakrophagen isoliert, die sich durch ihre Langlebigkeit besonders für diesen Ansatz eignen. Im Labor modifiziert die Promovendin diese Zellen gentechnisch so, dass sie ein Protein bilden, das Entzündungen hemmt. Sollte das irgendwann einmal gelingen, könnten die so manipulierten Zellen autolog in die Lunge zurückgeführt werden und dafür sorgen, dass die Entzündung reduziert wird. Aktuell arbeitet sie an ihrer ersten Publikation zu dem Thema.
Sie hat ihre Versuche genau im Blick. Jede kleine Veränderung könne etwas bewirken. Die spannende Frage sei dabei immer, ob die Veränderung in die gewünschte Richtung geht oder ob sogar etwas ganz Überraschendes passiert, mit dem man gar nicht gerechnet hat. „Die Zellen machen nicht immer was man will, aber man muss trotzdem dranbleiben“, schmunzelt die junge Forscherin, aber interessanterweise seien es oft gerade die völlig unvorhergesehenen Reaktionen der Zellen, die sie weiterbringen. Denn dann frage sie sich nach dem „Warum?“ und über die Suche nach den Ursachen, gelange sie zu völlig neuen Erkenntnissen – natürlich auch im Austausch mit Kolleg*innen in ihrem Umfeld oder auf Kongressen.
„Je mehr ich weiß, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass ich eigentlich sehr wenig weiß, denn je mehr man weiß, desto mehr Fragen entstehen“, kommentiert sie ihre Suche nach Erkenntnisgewinn. Aber das frustriert sie nicht, sondern spornt sie eher an. Isabell Theisohn liebt die Herausforderung – und das nicht nur in ihrer Forschung und im Beruf, sondern auch im Sport. Die gebürtige Zweibrückerin ist Leistungsschwimmerin und aktuelle Deutsche Masters Meisterin in der 4 mal 100 Meter-Staffel Lagen weiblich (AK 120+) mit ihrem Team der SSG Saar Max Ritter. Zudem hat sie vor kurzem ihren ersten Triathlon absolviert und wurde Zweite in ihrer Altersklasse.
Schwimmen trainiert sie seit ihrer Kindheit und nimmt seither an Wettkämpfen teil. So auch vor zwei Jahren an der Europameisterschaft der Masters in ihrer Hauptstrecke 100 m Brust. Mit Lauftraining hat sie erst in der Corona-Zeit begonnen, da es damals schwierig war, regelmäßig das Schwimmbad zu besuchen. So kam sie durch ihren Onkel auch zum Marathon. Schließlich wurde sie aus dem Freundeskreis motiviert, auch noch mit dem Radfahren zu beginnen, um an Triathlons teilzunehmen.
Das Training neben der Promotion empfindet sie nicht als zusätzliche Belastung – im Gegenteil: „Das Training gibt viel Struktur, macht den Kopf frei und außerdem kommen mir die besten Ideen für meine Arbeit unter der Dusche nach dem Sport“.
Sie sieht Motivation als einen der wichtigsten Faktoren dafür, dass sie ihr Studium gemeistert hat und jetzt kurz vorm Abschluss ihrer Dissertation steht. Sie wollte in den medizinischen Bereich, weil sie Menschen helfen will. Der Studiengang Applied Life Sciences sprach sie an, weil sie den Eindruck hatte, dass er medizinische Inhalte impliziert und: „es passiert praktisch was“. Also schrieb sie sich dafür ein und wurde in ihrer Entscheidung bestätigt: „Ich sehe, dass ich etwas bewirken kann“.
Gefallen hat ihr am Studium auch, dass es so breit aufgestellt ist und man Grundlagenwissen in vielen Bereichen bekommt und auch nah am aktuellen Stand der Forschung und Entwicklung ist, z.B. auch im Thema Sequenzierung und so gut Zusammenhänge herstellen und Ideen entwickeln könne. Auch, dass die Hochschule nicht zu groß ist, man eine persönlichere Beziehung zu den Lehrenden habe und sie sich deshalb viel eher getraut habe, Fragen zu stellen. Außerdem habe die Hochschule einen guten Ruf: Im Labor kam sie über ihren Studienfreund Heiko Heilmann, der ebenfalls promoviert, zur Kooperation mit der AG von Prof. Dr. Bernd Bufe an der Hochschule.
Aber nicht nur die Motivation, Krankheiten erforschen zu wollen, gab ihr das notwendige Durchhaltevermögen fürs Studium, sondern „Motivation und Teamwork“ sind für sie die wichtigsten Erfolgsfaktoren. „Im Studium findet man die Freunde fürs Leben, denn man verbringt sehr viel Zeit miteinander und ist in der gleichen Lebensphase“, weiß Isabell Theisohn. Man habe zusammen gelernt, aber auch die Mensa und die Kaffeepausen seien immer sehr wichtig gewesen, um lange Tage erträglicher zu machen.
Wie erfolgreich sie – auch dank dieser Motivatoren – ihr Studium durchgezogen hat, belegt, dass sie gleich zweimal ein Deutschlandstipendium eingeworben hat und von der Sparkassenstiftung für Ihre hervorragende Masterarbeit bei Prof. Dr. Dr. Oliver Müller ausgezeichnet wurde, in der sie Schleimhautzellen aus der Lunge isolierte und daran bestimmte Rezeptoren untersuchte.
Die aktuellste Herausforderung, die von außen an sie herangetragen wurde ist die Anfrage Ihres früheren Professors Holger Rabe zur Übernahme eines Lehrauftrags an der Hochschule zu Tissue Engineering im Master Applied Life Sciences. Das ist die Herstellung von Gewebeersatz, um kranke menschliche Gewebe zu therapeutischen Zwecken zu ersetzen. Sie hat Freude daran und positives Feedback der Studierenden. So kann sie nach Abschluss des letzten Wintersemesters eine positive Bilanz ziehen: „Die Studierenden hatten Spaß, weil ich Spaß hatte.“ Die Vorbereitung war viel Aufwand, doch es hat sich gelohnt. Jetzt freut sie sich auf die Fortsetzung, auch, weil sie einen weiteren positiven Aspekt der Lehre sieht: Sie helfe ihr bei ihrer Doktorarbeit und bei der Arbeit im Labor – nicht zuletzt dadurch, dass die Studierenden viele neue Fragen stellen und nochmal neue Blickwinkel aufzeigen.
Gefragt, ob sie sich angesichts dieser guten Erfahrungen vorstellen könne, Professorin zu werden, kommt zur Antwort: Vorstellen könne sie sich das schon, aber: “Ich mache keine Pläne. Das hat mich bisher nicht enttäuscht.“